MGV Liederbund 1886 Schelsen

Der Tradition verpflichtet - - von der Moderne inspiriert - - der Zukunft zugewandt!

Rundfunk

27.01.2012 · 10:50 Uhr

 

(Bild: Stock.XCHNG / valentino sirbinas)

Singen mit Tradition

Chor der Woche: MGV Liederbund 1886 Schelsen

Von Gerrit Stratmann

Die 2.300 Einwohner zählende Gemeinde Schelsen bei Mönchengladbach pflegt ihre Traditionen. Dazu gehört auch der Männergesangsverein Liederbund 1886 Schelsen, der 2011 sein 125-jähriges Bestehen feiern konnte. Der Chor hat es in den letzten Jahren geschafft, den Besucherandrang bei seinen Konzerten zu verdreifachen.

Was die über 30 Männer des MGV Liederbund 1886 Schelsen jeden Donnerstag wieder in ihr Vereinslokal, den Schelsener Treff, zusammenführt, daran hat ihr erster Vorsitzender Willi Scheidt keinen Zweifel:

„Die Gemeinschaft, die Kameradschaft, die Freundschaft, die hier irgendwo herrscht, das macht uns als Chor auch stark, dass wir hier wirklich eine funktionierende Gemeinschaft haben.“

Von 17 bis 87 reicht die Altersspanne des Liederbundes. Die meisten von ihnen sind Rentner, der Jüngste ist noch nicht so lange dabei, der Älteste dafür bereits seit 70 Jahren. Chorleiter Christian Wilke stieß 2005 zum MGV Liederbund.

Der Musikpädagoge hatte gerade sein Studium in Essen abgeschlossen und war auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Da kam ihm die Annonce des Chores gerade recht.

„Ich erinnere mich immer gerne zurück, mit welcher Begeisterung dieses Probedirigat damals zu Ende gegangen ist. Ich kann mich noch erinnern, wie Herr Scheidt mich, wenige Minuten nachdem ich im Auto saß, anrief. Also man hatte hier gleich das Gefühl, dass man freundschaftlich mit offenen Armen aufgenommen wird.“

„Ich singe zu Hause gerne alleine und solo, aber im Chor singen ist ganz was anderes. Und da war ich im Zweifel: Sollst du im Chor bleiben? Und da kam Herr Wilke, brachte frischen Wind, sag ich jetzt mal so, in den Chor, und das hat mir sehr gut gefallen und, ja, bin ich geblieben!“

Rentner Norbert Jansen verstärkt den zweiten Bass im Chor. Er ist mittlerweile Kassenwart des Vereins und froh, dass er seine Zweifel überwunden hat. Behutsam führte Christian Wilke die Männer an neuere Chorliteratur heran. Zu dem alten, eher volksliedhaft geprägten Repertoire von Schubert und Silcher kamen nach und nach modernere Titel. 2009 gab der Chor sein erstes Konzert mit Hit-Legenden der 80er. Das sprach sich rum in Schelsen und hatte für den Liederbund überraschende Folgen.

„Wir haben also vor 10 Jahren 200, 220 Besucher gehabt. Vor vier Jahren haben wir das erste Mal ein Konzert mit 300 Personen ausverkauft gehabt, ein Jahr darauf haben wir vielen absagen müssen, weil das Kartenkontingent sehr schnell vergriffen war. Mittlerweile machen wir zwei Konzerte, und die sind beide ausverkauft.“

Zu dem unerwarteten Erfolg trug bei, dass der Chor bei seinen Auftritten von einer ebenfalls neuen Band begleitet wurde. Und für ihr Jubiläumskonzert zum 125. Geburtstag des Liederbundes luden sie außerdem noch Tony Marshall als Gaststar ein. Der Pfarrsaal von Schelsen, der größte verfügbare Raum im Ort, platzte fast aus allen Nähten. Einen größeren Raum werden sie sich aber trotzdem nicht suchen, bekräftigt Willy Scheidt.

„Das wollen wir nicht. Unsere Ambition liegt darin, Kultur in den Ort zu bringen, das heißt also selbst als Tony Marshall kam, hat man uns nahegelegt, vielleicht zur Stadthalle nach Rheydt zu gehen; wir haben das abgelehnt und gesagt, wir wollen hier im Ort bleiben. Wir sind der Verein aus Schelsen und das wollen wir auch irgendwo damit bestätigt wissen.“

Diese Traditions- und Ortsverbundenheit zeigt sich auch im Probenraum. In dem kleinen Hinterzimmer ihres Vereinslokals „Schelsener Treff“ hängt eine Gedenktafel für die gefallenen Sänger in den beiden Weltkriegen. Drumherum gruppieren sich die Gratulationsurkunde der Stadt Mönchengladbach und Gruppenfotos, die bis 1951 zurückreichen. Ein wuchtiger, mannshoher Holzschrank, prall gefüllt mit den Noten des Chores, lässt keinen Zweifel daran, wo der Liederbund zu Hause ist. Franz Leber aus dem zweiten Bass ist seinem Chor hier bereits seit 1969 treu. Mit ihm hat er viel erlebt: Chorfahrten an die Mosel, nach Berlin oder Wien, wo er im Rathaus alleine vor tausend Menschen singen durfte.

„Für mich ist das Schönste, wenn der letzte Ton verklungen ist, und das Publikum in einen rasenden Beifall ausbricht. Dann weiß ich, das wir gut waren.“

Rasende Begeisterung, das ist für die Männer eine neue Erfahrung. Die neue Mischung aus alten Volksliedern, bekannten Schlagern und Popsongs reißt die Zuhörer deutlich stärker mit als früher.

„Die Leute sitzen ja kaum noch. Die wippen mit, die stehen – eine wunderbare Atmosphäre!“

„Die Leute in unseren Konzerten haben sich gewandelt von dem braven Publikum zu dem jubelnden Publikum, und das ist eine Bestätigung, die mich natürlich darin bestärkt, weiter diesen Weg zu gehen.“

Christian Wilke freut sich über die stete Entwicklung, die die Herren unter seinem Dirigat bislang gezeigt haben, auch wenn sie wissen, dass sie sich nicht auf Meistersingerniveau bewegen. Aber im Ernstfall, das hat Franz Leber im Laufe seines Chorlebens erfahren, zeigt der Chor, was er kann:

„Ich begleite den Chor jetzt 42 Jahre, 25 Jahre als Vize-Chorleiter. Ich weiß, was die Jungs können. Wenn man sie ein bisschen kitzelt, dann sind sie da.“

Viele Menschen in Deutschland singen im Chor. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft deutscher Chorverbände (ADC) stellt Deutschlandradio Kultur jeden Freitag um 10:50 Uhr im Profil Laienchöre aus der ganzen Republik vor: Im „Chor der Woche“ sollen nicht die großen, bekannten Chöre im Vordergrund stehen, sondern die Vielfalt der „normalen“ Chöre in allen Teilen unseres Landes: mit Sängern und Sängerinnen jeden Alters, mit allen Variationen des Repertoires, ob geistlich oder weltlich, ob klassisch oder Pop, Gospel oder Jazz und in jeder Formation und Größe.

 

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