Singende Männer haben einen Evolutionsvorsprung. Das war in der Steinzeit so und gilt auch heute noch. Warum? Dafür muss man sich nur die Bilder von kreischenden weiblichen Fans vor Augen halten, die einen Popstar bejubeln. Singen macht Männer sexy. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Musikalität schon bei den Neandertalern ein biologisches Signal war, und zwar ein Hinweis auf gute Gene. Denn wer gut singen konnte, der demonstrierte seiner Umgebung: Ich bin stark und gesund und kreativ. Singende Männer hatten also alles, was die Frauen sich wünschen konnten.

Männer fehlen auch im Gospelchor

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt Prof. Dr. Eckart Altenmüller. Der Flötist und Mediziner ist der führende deutsche Forscher auf dem Gebiet der Neuropsychologie und Neurophysiologie von Musikern. „Als einzige Spezies besitzt Homo sapiens zwei lautliche Kommunikationssysteme, nämlich Sprache und Musik. Während der evolutionäre Vorteil der sprachlichen Kommunikation als Möglichkeit der Informationsübermittlung offensichtlich ist, wird bis heute kontrovers diskutiert, warum sich Musik als weiteres Kommunikationssystem erhielt oder entwickelte“, schreibt Altenmüller in seinem Buch „Vom Neandertal in die Philharmonie“.

Altenmüller weiter: „Eine wesentliche Rolle scheint dabei die Verstärkung der Gruppenbindung durch Musik zu spielen. Aber Musik kann auch Glücksgefühle erzeugen und so das Leben lebenswerter machen.“

Singende Männer empfinden sich selbst nicht mehr als attraktiv

Doch in der Moderne ist diese Verbindung zwischen Stimme und Überlebensvorteil verloren gegangen, zumindest in Deutschland. Singende Männer empfinden sich selbst nicht mehr als attraktiv. Warum, das weiß man nicht. Es sind ja nicht nur die Männerchöre, die aussterben. Auch in gemischten Chören und Gospel-Ensembles zum Beispiel sind die Soprane und Alte meist deutlich in der Überzahl. Das Singen wird zunehmend zur Frauensache. Sogar die letzte Bastion des männlichen Sangesstolzes haben die Damen inzwischen erobert: den Tenor. In dieser Stimmgruppe singen jetzt immer häufiger Tenorinen mit.

„Singen ist im Tierreich vorwiegend Männersache“, analysiert Prof. Florian Ludwig, Generalmusikdirektor der Hagener Philharmoniker und leidenschaftlicher Chorsänger von Kindesbeinen an. „Singen ist im Tierreich mit der Partnerwerbung verbunden. Das war bei den Menschen lange genauso. Das Ständchen etwa ist eine klassische Männerdomäne.“

Lieber heimlich im Auto

Wann und warum die Männer die Lust daran verloren haben, öffentlich im Chor ihre Stimmbänder zu trainieren, wo die Vorteile doch so sehr auf der Hand liegen, diese Frage kann auch Florian Ludwig nur mit Vermutungen beantworten. „Singen hat mit Gefühlen zu tun, mit der Darstellung von Emotionen nach außen. Singen hat eine Unmittelbarkeit, wie sie das Sprechen nie haben kann. Zu suchen und zu ertragen, wie das funktioniert, ist für Männer anscheinend schwieriger geworden.“

Dabei singen Männer nach wie vor laut und gerne. Im Fußballstadion gibt es zum Beispiel keine Hemmungen, in der Gruppe die Vereinshymne zu schmettern. Einer Umfrage zufolge stimmen Männer ansonsten lieber heimlich eine Melodie an, nicht nur unter der Dusche, sondern vor allem, wenn sie allein im Auto sind.

„Bei den Jungen gibt es mehr Brummer als bei Mädchen“

„Es gibt auch einen Erfolgsdruck, dem Männer immer noch ausgesetzt sind. Demzufolge glaubt man, dass nur Weicheier im Chor singen. Dadurch ist für viele Männer das Chorsingen heute negativ belegt“, hat Florian Ludwig beobachtet, der den Philharmonischen Chor Hagen leitet und Hunderte von begeisterten Sängern mit seinen Scratch-Projekten anlockt. Wird jedoch ein potenzieller Bass oder Tenor von einem Kumpel angesprochen und mit in den Chor gebracht, springt der Funke meistens schnell über.

Florian Ludwig bedauert, dass Jungen in der Schule immer noch von Lehrern als unmusikalisch abgestempelt werden. Die Verletzungen, die so entstehen, können einen Menschen lebenslänglich verstummen lassen. „Bei den Jungen gibt es tatsächlich mehr Brummer als bei Mädchen. Aber Singen, das kann jeder.“

Und Brummen ist überhaupt nicht schlimm, ebensowenig, wie es eine Katastrophe ist, wenn ein Sänger mal einen Ton nicht trifft. Florian Ludwig ist überzeugt: „Singen ist ein ganz menschlicher Gefühlsausdruck und verleiht die Möglichkeit, das eigene Selbst bewusster zu erleben, macht also selbstbewusst. Deshalb wünsche ich mir, dass die Männer den Spaß und die Freude am Singen wieder für sich entdecken.“